Kurze Antwort: Nein

In einem früheren Beitrag habe ich schon einmal erklärt, warum die Astronauten auf der ISS schwerelos sind. Nun will dieser Mann hier aber den Beweis gefunden haben, dass die ISS Fake ist. Ist da was dran? Kurze Antwort: Nein. Aber nehmen wir das ganze einmal genauer unter die Lupe.

Die beiden Bilder sind Screenshots aus einem (ziemlich wirren) Video, das ich auf dem Instagramprofil heliocentric.hoax gefunden habe, das aber ursprünglich vom TikTok-Kanal _7club_ stammt. In dem Video argumentiert der Mann wie folgt:

Die Argumentation

Auf dem linken Foto ist die ISS zu sehen, wie sie vor dem Mond vorbeizieht. Das Foto besteht aus mehreren übereinandergelegten Aufnahmen, die kurz hintereinander geschossen wurden, sodass die ISS mehrmals zu sehen ist. Auf dem rechten Foto ist ein Flugzeug zu sehen, wie es vor dem Mond vorbeifliegt. Das Flugzeug erscheint auf den Fotos circa vier mal größer als die ISS. Das Flugzeug ist aber nur circa 10 km über der Erdoberfläche, während die ISS zwischen 320 km und 400 km [Quelle] über der Erdoberfläche ist, also circa 40 mal weiter oben. ISS und Flugzeug haben beide ungefähr dieselben Maße, also sollte die ISS auf dem Foto ja eigentlich 40 mal kleiner sein als das Flugzeug.

Er folgert dann weiterhin daraus – und jetzt wird es wild, dass die ISS gar nicht im Weltraum ist, sondern dass es sich um ein Flugobjekt mit alternativem Antrieb handelt, das in sehr viel geringerer Höhe fliegt. Der alternative Antrieb nutzt elektrostatische Kräfte zwischen Boden und dem elektrisch geladenen Firmament (als Firmament bezeichnen Menschen, die an die flache Erde glauben, die Himmelskuppel).

Auf letzteres will ich in diesem Beitrag gar nicht eingehen, da es (hoffentlich) den meisten eh klar sein sollte, dass das vollkommener Blödsinn ist. Aber das erste Argument klingt auf den ersten Blick eigentlich ganz sinnvoll. Wo also liegt der Haken?

Der Haken

Der Haken an der Argumentation ist, dass die Höhe der ISS bzw. des Flugzeugs über dem Erdboden nicht gleich dem Abstand der beiden Objekte zum Fotograf ist, außer sie würden sich direkt über ihm befinden. Das habe ich in der folgenden Abbildung nochmal dargestellt. Die Höhe h über dem Erdboden ist deutlich kürzer als der Abstand a zum Beobachter. Da heißt, die ISS ist zwar 40 mal höher über dem Erdboden als die ISS, muss aber nicht zwangsweise auch 40 mal so weit weg sein.

Ich habe das Ganze auch mal durchgerechnet, um zu prüfen, ob die Fotos realistisch sind, oder ob wirklich irgendwas nicht stimmen kann.

Der Mond hat einen Durchmesser von 3470 km und ist circa 380.000 km von der Erde entfernt [Quelle]. Die ISS hat eine Länge von circa 110 m [Quelle]. Aus diesen Angaben lässt sich der Abstand der ISS zum Beobachter berechnen und daraus dann auch noch die Höhe über dem Horizont. Die genaue Rechnung beschreibe ich für die Interessierten am Ende des Beitrags, an dieser Stelle nur die Ergebnisse:

Der Abstand der ISS zum Beobachter (also in diesem Fall zum Fotograf) beträgt circa 530 km. Die Höhe über dem Horizont beträgt circa 50°, wenn man einen Flughöhe von 400 km annimmt. Manchmal ist die ISS aber auch nur 320 km über der Erdoberfläche, dann würde die Höhe 35° über dem Horizont betragen. Beide Werte sind realistisch, da der Mond in vielen Regionen auf der Erde diese Höhe über dem Horizont erreicht.

Nehmen wir an, das Flugzeug hat eine Länge von 70 m und eine Flughöhe von 10 km, dann kommen wir auf einen Abstand von circa 80 km zum Fotografen. Statt 40 mal näher als die ISS, ist das Flugzeug also nur circa 7,5 mal näher. Dementsprechend ist die ISS auf dem Foto auch nicht so viel kleiner als das Flugzeug.

Der Winkel über dem Horizont beträgt circa 7°. Der Mond steht bei dem Foto mit dem Flugzeug also deutlich tiefer über dem Horizont als beim Foto mit der ISS. Aber das ist ja kein Widerspruch, die Fotos wurden wahrscheinlich von zwei verschiedenen Fotografen an zwei verschiedenen Orten zu zwei verschiedenen Zeiten aufgenommen. Das erkennt man auch schon allein daran, dass der Mond auf beiden Fotos eine andere Orientierung hat (unter der Annahme, dass die Fotos nicht gedreht wurden).

Was uns dieser Fall über Verschwörungstheoretiker sagt

An diesem Beispiel kann man finde ich auch wunderbar sehen, wie Verschwörungsgläubige funktionieren. Sie entdecken einen scheinbaren Widerspruch, den sie sich nicht sofort erklären können. In diesem Fall: Müsste die ISS nicht viel kleiner im Vergleich zum Flugzeug sein?

Der nächste logische Schritt wäre dann eigentlich, zu überprüfen, ob man mit diesem Gedanken wirklich richtig liegt (schließlich ist es sehr viel wahrscheinlicher, dass man selbst einen Denkfehler macht, als dass Millionen von anderen Menschen so ein offensichtlicher Widerspruch nicht auffällt). Man könnte es zum Beispiel einfach mal genau durchrechnen, so wie wir das gerade getan haben. Dann würde man – wenn man richtig rechnet – sehen, dass es gar keinen Widerspruch gibt. Wenn man nicht die nötigen mathematischen Kenntnisse hat, kann man ja auch stattdessen mal recherchieren, ob vielleicht schon irgendwo eine einleuchtende Erklärung für den scheinbaren Widerspruch geliefert wird. Und falls man nicht fündig werden würde, könnte man ja auch einfach mal bei Leuten nachfragen, die von sowas Ahnung haben und das beantworten können sollten.

Statt so vorzugehen, macht der Verschwörungstheoretiker aber folgendes: Er entdeckt einen scheinbaren Widerspruch und anstatt zuallererst seinen eigenen Gedanken zu hinterfragen, ist er sofort überzeugt, dass es sich um eine Verschwörung handeln muss.

Anhang

Die Rechenwege füge ich hier als Bild ein, denn ich kann leider keine PlugIns installieren, ohne draufzuzahlen und habe deshalb keine Möglichkeit, LaTeX direkt auf dem Blog hier zu verwenden.

Berechnung des Abstandes der ISS bzw. des Flugzeugs zum Beobachter.
Berechnung des Winkels der ISS bzw. des Flugzeugs über dem Horizont

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Kurze Antwort Nein

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